d’après La Pucelle d’Orléans de F. Schiller

  • In 1431 the nineteen-year-old Joan of Arc was burnt alive at the stake. In just two years a farmer’s daughter from the countryside had become an icon and role model, and in the end would fall victim to political power struggles. Guided by religious visions, Joan of Arc meddled in the endless war between France, Burgundy and England. Her sense of mission and subsequent victories for France seemed to confirm that she was right. She was merciless in her divine campaign. But with her defeats also came her fall: she had become a symbol that had to be destroyed. The same church that extinguished her life would later proclaim her to be a martyr and saint. When Friedrich Schiller wrote The Maid of Orleans in 1800, he constructed Joan as a pure character in the conflict between emotions and ideology of truth and plaything for male political intrigue. Up to the present day, contemporary conflicts have been reflected more in the story of the young woman from Lorraine than in virtually any other material. While Marine Le Pen positions herself as a modern Joan of Arc, young Islamist warriors follow divine promptings and by attacking the editors of Charlie Hebdo, strike the heart of the Western concept of freedom. The Paris-based director Mikaël Serre uses Schiller’s tragedy as a starting point for a project on the idea of nations, religious fanaticism, radical forms of empowerment and those ideological gaps which reactionists and nationalists fill by invoking the holy warrior Joan of Arc.

  • Directed by Mikaël Serre
  • Stage design Nina Wetzel
  • Costumes Nina Wetzel
  • Music Nils Ostendorf
  • Video Sébastien Dupouey
  • Dramaturgy Holger Kuhla, Daniel Richter

With

  • Marina Frenk
  • Till Wonka
  • Falilou Sek
  • Aram Tafreshian
  • Alexandar Radenkovic

  • Producer Maxim Gorki Theater, Berlin

DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

Tobi Müller

Das wirke « zuweilen angenehm komplex », kaschiere aber die recht einfachen symbolischen Verhältnisse, die sich wiederholen. Auf der Leitartikelebene sei « Je suis Jeanne d’Arc » daher « allzu überschaubar » und gebe unfreiwillig « den alten Theaterverteidigern recht, die diese blöde Gegenwart wegsperren möchten, am liebsten hinter einer Mauer, auf der dick und samtrot ‘Kunst’ steht ».  Das Gorki-Ensemble laufe besonders bei den Männern zu großer Form auf, « wie man nicht erst seit gestern sehen kann »; zweitens: « Erstaunlicher ist, wie sehr dieser dozierende Abend doch spielerische Bilder findet, und zwar – noch erstaunlicher – gerade in den Schillerstrecken. »

BERLINER MORGENPOST

Elisa von Hof

Auf der Bühne stürzt eine echte Ikone. Mit Schimpfwörtern, mit Konfetti und Rapsongs, mit Sexwitzen und rechten Parolen, mal klamaukig, mal ernst, wird im Stück « Je suis Jeanne d’Arc » im Maxim Gorki Theater der Mythos um Johanna von Orleans zerstört. François Hollande, von Marine Le Pen, IS-Kämpfern und kurdischen Widerstandskämpferinnen. Das wirkt zutiefst chaotisch, der rote Faden geht oft verloren und man weiß nie so ganz, in welcher Zeit man sich befindet. Das ist ziemlich gut. Denn es zieht den Zuschauer wie auf einen psychedelischen Trip immer weiter hinein in einen zeitlosen Sumpf zwischen 100-jährigem Krieg und den jüngsten Terroranschlägen in Paris. In diesem Chaos, das manchmal zur echten Disco mutiert, kommen überraschende Analogien zustande.

 

NEUES DEUTSCHLAND

Von Guido Speckmann

Die Inszenierung zweifelt somit nicht nur Gewissheiten Frankreichs, sondern die des gesamten Westens an. Für welche Werte steht dieser? Was macht eine Nation aus, was Laizität? Wie reagiert man auf die Gefahr des islamistischen Terrors? Mit Kampf, mit Krieg? Aber nimmt der Westen, nimmt die französische Nation damit nicht die Gestalt ihrer fanatischen Gegner ein, denen man Rationalität abspricht? Serres neues Stück legt genau das nahe, es sucht nach Gründen, warum Franzosen und die muslimische Welt (»Ihr habt uns jahrhundertelang ins Elend getrieben, damit ihr in Wohlstand leben könnt«) so einen Hass auf die westliche Gesellschaft entwickeln konnten. Er setzt sich damit dem Verdacht aus, Verständnis für die Gotteskrieger zu haben. Doch die Suche nach Gründen für Terroranschläge ist keine Rechtfertigung derselben. Die nur 1,58 Meter kleine Marina Frenk spielt die besessene Jeanne großartig. In Frankreich sieht sich längst Marine Le Pen in der Tradition der Jeanne d’Arc. Videoprojektionen zeigen sie mit ihrem Vater vor einem Jeanne-Denkmal. Mit dem Erfolg bei den Regionalwahlen ist die Realität somit ein weiteres Mal über »Je suis Jeanne d’Arc« hereingebrochen. Serres Inszenierung endet damit, dass Jeanne den emanzipatorischen Kampf  kurdischer Frauen in den selbstverwalteten Regionen lobt. Befreiung? Oder ist hier schon wieder nationalistisches Potenzial angelegt?

BERLINER ZEITUNG

Von Doris Meierhenrich

Was Mikaël Serre veranstalte, sei « zwar kein Wunderwerk, aber doch eine Gegenerzählung zu den kurzatmigen, nationalistischen Reflexen, die derzeit in Frankreich » und allerorten zu beobachten seien. Serre probe eine « Befreiung der Nationalheldin Jeanne d’Arc vom Mythos des Nationalen ». Die formal hoch interessante Bühnencollage lebe von der Videokunst Sébastian Dupoueys, die die « Überblendungen von Zeiten, Realitäten und Figuren spielerisch leicht zum Sprechen » bringe.